die krähe 15.12.2010, 0:00

aus der stadt gezogen
wilhelm müller

rabenvögel, romviecher, sind kulturfolger, undzwar nicht erst seit ihrer verwendung in der winterreise, bei poe oder wilhelm busch. warum diese eine aber, nachdem sie ihm mit ihren mitkrähen bäll‘ und schloßen auf seinen hut von jedem haus geworfen hat, aufs land folgt? zurück zur natur? kulturflucht?
empathie im tierreich ist nicht allzuweit verbreitet: von den caniden am ehesten beim wolf, unter wasser fühlen delphine mit und, luftig, eben die krähen. zumindest in dem sinn, als das tier zu verstehen gibt, wenn es sich ungerecht behandelt fühlt. ansonsten gilt, nicht nur für schlürfmuscheln: des is do da austa so wuaschd!



Krähe 29.10.2005, 0:00

Die Krähe ist ein wunderliches Tier, und nach kurzem Ringen habe ich mich noch jedes Jahr mit ihrem zahlreichen Erscheinen abgefunden. Namentlich in den Hugo Wolf-Park, gleich gegenüber, passt sie trefflich.
Beunruhigend aber ist der Umstand, dass immer mehr von ihnen den Sommer über da bleiben. Was das bedeuten mag?
Nachzulesen wäre z.B. bei Poe und Kafka.

Oder du singst dir das fünfzehnte Lied aus der Winterreise.



Heidenchristen? 4.12.2020, 0:00

Hugin und Munin müssen jeden Tag
Über die Erde fliegen.
Ich [Odin] fürchte, dass Hugin nicht nach Hause kehrt;
Doch sorg ich mehr um Munin.
Lieder-Edda (13. Jhdt.)

Seine Raben beide sandt’ er auf Reise:
kehrten die einst mit guter Kunde zurück,
dann noch einmal, zum letztenmal,
lächelte ewig der Gott.
Waltraute, in: Richard Wagner, Götterdämmerung (19. Jhdt.)

Fliegt heim, ihr Raben!
Richard Wagner, Götterdämmerung (19. Jhdt.)

Denken und sich erinnern, darum geht’s wohl grundlegend im Leben, und gegen Ende lässt beides, oftmals rasant, nach, das Denken vor allem, und nicht minder prekär das Erinnern (des Kurzvergangnen, nicht der frühen Jahre, an die das Vergessen bald wie täglich spiral sich beschleunigend herannagt).

»Denken« und »sich erinnern« ist auch die Bedeutung der Namen der beiden Odin/Wotan zugeordneten Raben Hugin und Mugin. … Was aber soll es nun bedeuten, dass auf dem Portal der brutalistischen Maria-Namen-Kirche in der Hasnerstraße, Wien-Ottakring ausgerechnet zwei Krähenvögel Wache halten? 

Was denkt sich Hugin, wessen erinnert sich Mugin? 

Gibt’s was zu denken oder zu erinnern? Dass just eine Gemeinde, die sich insbesondere der polnischen und spanischen Christen annimmt (beides keine traditionell unkatholischen Weltgegenden), sich derart heidnisch gebärden muss?



Tierschutz 16.8.2017, 8:51

Wenn nachts die Fenster sperrangelweit aufgemacht werden müssen, gilt es, sich vor ungebetenen Tieren zu wahren. Als weiterentwickelnde Abwandlung von in diversen Ein-Euro-Shops angebotenen Plastikkrähen empfehle ich, dortselbst ausgemusterte Merchandise-Puppen (Oger, Superheros, impressive Muppets- bzw. Sesame-Street-Figuren) zu erstehen und sie in die Mitte des leeren Luftraumes zwischen den Fensterrahmen zu hängen. Das beeindruckt garantiert alle Tauben (die primäre Zielgruppe) und überhaupt sämtliches Feder- wie Fledergetier (gerät einem fabelhaft gerne in die Haare), aber es hilft insbesondere auch gegen sämtliche größeren Tiere, und das mit hundertprozentiger Effizienz: Tatsächlich ist bis heute kein Wal hereingekommen.

Insekten sind kleinere Probleme.



atemlos 19.10.2015, 8:53

zusammenkunft in sachen künstlerische forschung. die allzu brilliant vortragende forschungskünstlerinnenmentorin gab den zuhörer*inne*n nicht eine atempause zum einhaken für eigene mit-gedanken. sie agierte nachgerade perfekt, wie die perfekte dampfwalze. natürlich braucht es perfekte dampfwalzen: zum dampfwalzen. aber kunst? – das wäre was anderes. man war einer ichkunstwerbeagentur aufgesessen, und so etwas liegt – nicht nur, sondern auch – am genau solche stromlinienopportunist*inn*en begünstigenden, ja verlangenden system. an den rädern, längst schon: creative directors, informationsdesigner. künstlerisches tun und denken aber bedarf des zulassens einer – unspekulativen – fragilität. in so einer zone gibt es keine dampfwalzen, kann es keine dampfwalzen geben: himmel bedeutet die unmöglichkeit von krähen.
sagt kafka, und der, als beamter, der muss es wissen.



Schule des Staunens 1.3 15.10.2014, 12:00

Man darf sagen (so wurde mir mit durchaus glaubwürdiger Emphase persönlich hinterbracht – wir haben angestoßen, erfreut), die Übung ist gelungen. Das Publikum, das sich (gezielt oder verführt) zu mir verirrt hatte, nahm regen Anteil, und manches ist mir auch ganz gut gelungen. Fremd bin ich jedenfalls nicht eingezogen ins Konzerthaus. Und dass ich, im Nachspiel, das Lied XIV nicht darbieten konnte, lag daran, dass zuvor Ian Bostridge und Thomas Adà¨s Die Krähe to end all Krähes kreierten. Da wischt man nicht drüber.

Was für ein Glück, an derart unvergesslichen Momenten Anteil haben zu dürfen!



… genauestens! 30.7.2013, 0:00

die krähen behaupten, eine einzige krähe könne den himmel zerstören. das ist zweifellos, beweist aber nichts gegen den himmel, denn himmel bedeutet eben: unmöglichkeit von krähen.
franz kafka

merke: es gibt zwei kategorien. die einen dürften sich irren, können das aber per definitionen nicht (selbst, wenn sie wollten.). die anderen wiederum irren beständig, dürfen das aber per definitionem nicht. so einfach wirds totalitär.
es genügt nicht zu schreien, man muss auch unrecht haben. wenn das auch (s. o.) p. d. unmöglich ist.



befristet 10.8.2012, 0:00

in jahrzehnten gewachsen, in minuten gefällt. am hang gegenüber, die fichten.
dieweil der versuch, der freundin im spital zu gratulieren. sie hebt nicht gleich ab. noch nicht gleich.

(vorstellung, dass moderne mobiltelefone, den inhalt eines zu gewärtigenden gesprächs antizipierend, diesen mit einem adäquaten anrufsignal ankündigen: entengeschnatter [voreinstellung], ziegenmeckern, mickeymouse; krähe.)
((abheben. aufleben.))



himmellos 19.4.2011, 0:00

die krähen behaupten: eine einzige krähe könnte den himmel zerstören. das ist zweifellos, beweist jedoch nichts gegen den himmel. denn himmel bedeutet: unmöglichkeit von krähen.
franz kafka, 23.11.1917

leni riefenstahl, fest der völker. eröffnung der olympischen spiele 1936 in berlin. die auffliegenden tauben im abendlichen gegenlicht, das sind doch krähen.
schwäne, diese friedenskündigend unterschätzten, sie eigneten sich, bei verlängerter startbahn, vor allem zur eröffnung von ruderbewerben. und es gäbe auch weiße.



nachtrag zum jonktag 10.2.2011, 0:00

zum ersten licht, gegen halb sieben, am hang unterm friedhof: der erste vogelsang.
8. februar: sie sind da.
kirschhackeramseln et al.
später, krähen, sich entfernende rettungssignale.



frühlingsmütter 2010 1.3.2010, 12:00

liebe mba,

erster märz, mit einemmal ist alles olympische von uns abgefallen, vor allem von uns österreichern, etliche andere sind nämlich um etliches weiter geflogen aber kürzer gefahren, haben uns die ansich uns zustehenden ersten treppenplätze, die ja die letzten treppenplätze sind – ganz hinauf müssen die klettern, nachdem sie sich eh schon beim sporteln selber am schwersten und immerhin effizientesten geplagt haben – wegeschnappt, vorenthalten, ja, gestohlen, wir können unsere sportlichkeit, den sog. olympischen geist, vor allem im sog. alpinen nicht durch gönnerhaftes schulterklopfen und staunen über die doch schon beträchtlichen leistungen der anderen, genetisch nicht so fürs schifahren ausgestatten nationen (schweiz, deutschland, italien, slowenien, kroatien, norwegen, finnland, schweden, usa, canada, marokko, jordanien) ausdrücken, verdammt, schafft doch all diese wettbewerbe ab oder unterdrückt hinkünftig informationen zur herkunft der gladiatoren, die sollen einfach für sich selber fahren, springen, schlifitzen oder geschliffene granitgewichter mit griff aufs eis schlenzen dürfen und uns bliebe das chauvinistische dummsprech in den massenzeitungen und fernsehkanälen erspart, oder, besser, weil erstens durchführbarer und zweitens und vor allem lustiger: engagiert doch bitte harry rowohlt als sportreporter, der kann von sich – glaubwürdig – behaupten, dass sein ausländerhass durch seinen inländerhass bei weitem aufgewogen wird, wenden wir uns nun aber wichtigeren, der warmen jahreszeit zugewandteren informationen zu, tiger woods nämlich, ein verwandter der tigerente, manche meinen, er sei gar die tigerente selber, und hölzern steht er ja auch da, wenn er mit seinem durch meine schuld, durch meine schuld, durch meine große schuld vor den medien abbitte leistet, dass er seine verfehlungen nicht vor ebendiesen auch begangen hat, so schönes bildundtonmaterial hat er uns vorenthalten, wofür er deeply um entschuldigung bitten möchte, er aber verliert einen weiteren sponsor, wir müssen uns sorgen machen um sein durchkommen, über die runden kommen, lasst uns also sammeln für die golfspielende tigerente, verbunden mit einem generellen aufruf zur ruhe verdammt noch einmal!

tut das gut. endlich ruhig.

das wird aber nix. draußen nämlich, wenn ich nicht in der seltener besuchten, ein gutes schwaches halbes jahr schon nimmer bewohnten großstadt weile, das ist ein gezwitscher und getschilpe, ein pfeifen undaber kein singen, weil auch sogenannte singvögel (wie alle rabenviecher; zu denen, wieder einmal, später) singen nicht, und wenn, dann mit schlechtester textverständlichkeit, nicht einmal messià¦n hat das ganz zu transkribieren vermocht, allerhöchstens als vokalisen könnte man das bei bestem willen korrekt bezeichnen, und gilt es doch die wirklichkeit korrektest möglich abbildende worte zu finden, dazu selbstredend die entsprechenden fußangeln, pardon, -noten, ich gelobe mich zu bessern, abermals. draußen nämlich also schreien die vögel die krokusse herbei, brüllen die knospen an den zweigen in lauerstellung, der gosecker ginkgo etwa, ein riesenbonsai, den schon goethe gesehen haben soll (wenn er ihn nicht gar gepflanzt hat, was hat goethe nicht alles gesehen und gepflanzt mit seinem holden belebenden blick?), ist von präprotuberant-pubertären pickeln übersät, er kann es gar nimmer erwarten, bis dass er seine zweilappigen blätter an die luft lassen kann, ahh wird er sagen (auf ginkgisch) und über naahhcht ergrünen, so ist das nämlich, wenn auch noch nicht gleich und dann erst noch eine stunde später, wie das halt ab ende märz so ist sommerzeitbedingt.

großstädtisch aber haben längstschon die krähen alles andere getier vertrieben, sie bleiben das ganze jahr über vor ihren fleischtöpfen ägyptens, welche bei ihnen die müllhalden der zentraleuropäischen peripherie sind, nachts kehren sie von ihrer arbeit heim in die bis dahin stillen hinterhöfe und auf die platanen der parkanlagen, hugo wolf ist vor 150 jahren geboren worden, mahler auch, dem aber hat man in wien keinen park gewidmet, dafür durfte er (wolf) nicht hofoperndirektor werden, er wärs aber gerne geworden und hat dem mahler einen bösen bösen brief geschrieben, irr und wirr vor krankheit. in den kanariknasten bürgerlicher wie auch proletarischer haushalte aber werden in absehbarer zeit auch krähenvögel einziehen, rälfe und hanshuckebeins allesamt, die hansis und bubis werden letztlich selbst aus den wiener kleingartenanlagen verschwinden, keine zukunft auf der schmelz, und jetzt ists dann aber wirklich zeit für den frühling, in dem ich sie und uns alle vorfrühlend willkommen heißen mag.

wird schon werden. und nicht lang wirds dauern, da werden wir jammern, zweng derana hitz.

drinnen aber ists angenehm temperiert. kommen sie also zu meinen – wenigen, dafür feinst abgestimmten – konzerten und klangpräsentationsereignissen, nach salzburg in die franziskanerkirche, die max gandolph-bibliothek oder ins museum der moderne, nach klagenfurt in den dom zu pergolesi, nach wien in die alte schmiede oder nach fels am wagram zum wimmer czerny. und sonstnochdaunddorthin. steht ja alles rechtzeitg auf muetter.at in der vorschau.

und aufläufe und fleischtöpfische ruhekissen aber sind zu meiden, ja, fliehen, wenns auch unbequem sein mag. ist aber besser so.

ihnen aber jetzt viel ruhe und einen angenehmen frühling, ganz ohne aufmärsche u. dergl.,

herzlichst, ihr

bertl mütter, steyr und sonstwo, ende februar 2010


service

vorbei ist vorbei.

mütterlog (täglich, seit 1.12.2004)

– kaufen sie tonträger.

– konzerte, workshops, symposien: finden sie alles rechtzeitig auf muetter.at.

– der nächste mütterbrief kommt zirka am 1. juni 2010 zu mittag.



phaetonphantomphänomen 29.1.2010, 0:00

zu seinem 60er legte man an der unfallstelle einige gedenkminuten ein.
hoffentlich hat man sie rexdicht mit gummi und bügel verschlossen.
die gedächtnismesse (kein gedenkgottesdienst also) werde am sonntag gelesen, heißt es noch im orfon: alle kärntner sind eingeladen. alle. kärntner. und wehe!
würde bigotterie und bestemmblödheit wehtun, die schreie aus kärnten würden den himmel verfinstern, dagegen wären krähen nicht nur zoologisch sondern auch empfundenerweise singvögel, und der sonnenwagen stürzte ein weiteres mal herab, ein fortgesetzter weltenbrand, genährt von der asche, zerstreut in alle winde, und über allen bären ist ruh.



bella belcea 13.12.2009, 0:00

die krähen behaupten: eine einzige krähe könnte den himmel zerstören. das ist zweifellos, beweist jedoch nichts gegen den himmel. denn himmel bedeutet: unmöglichkeit von krähen.
franz kafka, 23.11.1917

(c dur)
haydn, du wildsau. (höchster respekt!)
(fis dur)
der späte schostakowitsch, dieser in die stille gehende, nicht mehr bärbeißig-pädagogisch seine fugato-soggetti anreißende.
neben mir die dame plädiert für eine änderung der hörhaltung: da kann man nur mehr knien.
(c dur)
alles harrt des schubert-quintetts. danach bittet man den konzerthausintendanten, die bestuhlung entsprechend zu adaptieren: wie jemand so aus der stille heraus spielen kann, mit einer schlichten, uneitlen intensität, dass selbst das wiener publikum (ausgenommen in den pausen zwischen den sätzen; dazu muss ich mir wildes rülpsen und furzen vorstellen) auf sein berüchtigtes zauberbergkeuchhusten vergisst, und ichselbst habe fast hemmungen zu blinzeln, aus sorge, das wimpernklimpern könne stören.
himmel, der nur himmel sein kann aufgrund der abgründe.
(krähen? in wien!?)



nachentzeit 27.8.2009, 0:00

schwerter zu pflugscharen
beliebter kampfruf

krähen zu enten
faunische konsequenz

seit er sich mit friedlichzufriedenem entengeschnatter (hatte jemand von gequake gesprochen?) als anrufsignal bei seinem iphonalen mobilen kommunikationsgerät aus dem friedlichen alltag reißen ließ (eben, weil ihn dieser wohlige klang nichtgarsoarg riss), war es ums schlafen an salzkammergutseen geschehen; was in dieser saison ohnehin ein einmaliges gewesen war. wäre.
nun aber, in der stadt, auf dem fahrrad, hielt er an, da er meinte, jemand benötige dringendst ein persönliches ferngespräch mit ihm.
fehlanzeige. und auch keine enten, nirgentwo.
auf einmal, auffliegend zwischen den platanen: saat- (oder sinds nebel-?)krähen.
krähen können schnattern. oder meinetwegen quaken.
soistdas. sie mussten in der schönen wienerstadt ein pazifismusseminar besucht haben. extra für ihn.
gerührt und mit tränen in den augen stellte er sein rad auf den ständer und atmete tief durch.
das würde ein winter werden.



jonknach (2) 25.1.2009, 0:00

die krähen behaupten, eine einzige krähe könne den himmel zerstören. das ist zweifellos, beweist aber nichts gegen den himmel, denn himmel bedeutet eben: unmöglichkeit von krähen.
franz kafka

oben auf der treppe, beim hinaustreten aus der kirchkuppel, die glocken übertönend, die vögel (kirschhackeramseln, raben, eisvögel, haselhühner, goldfasane, kondorsegler, fischadler, weißkopfgeier, hühnerhabichte, mäusebussarde, turmfalken, spottdrosseln, schneeeulen, amaranten, borstenschwänzler, saftleckerspechte, breitmaulbrillenwürger, blauscheitelorganisten, brutschmarotzstürzler, dickichtschlüpfer, erdhöhlentöpfer, gelbpürzelblütenpicker, gimpelhäher, klippenkleiber, lappenschnäpper, luftröhrenschreikropfpfeifer, molluskenschmätzer, pfefferfresstrompetenwürger, rotsichelspötter, schluchtenrötelstutzhaubenpürzler, schneeballwürger, graubrustraupenschmätzer, spitzschopftrugpürzelstelzer, großschnabelkardinäle, dompfaffdotterpinsler, rhinozeroshelmhornputzer, maiskolbenfagottstotterer, schilfrohrschalmeienkeifer und dudelsackbauchflatterer) mit ihrer betörend persönlichen erlösungslitanei, lassen sich dieses eine mal: heute nicht so gnädig erst bitten.
und die krähen, die es nicht geben kann, hinken wie die pompfüneberer nicht und fliegen schließlich ins abendlavendel, heim von eines kurzen tages arbeit, himmelwärts.



enigma, heißkalt 1.12.2008, 0:00

derhamhmichts
thomas bernhard, frost (1963)
suhrkamp taschenbuch 47, erste auflage 1972, seite 128

bei diesem wort (wort?! – ein wortungetüm, wie ein katafalk, wars) angelangt, konnte er in der sauna endgültig nicht mehr weiterlesen. kalter krematoriumsschweiß schoss aus seinen poren, nur hinaus, schnell hinaus.
wie zur bestätigung kamen genau in diesem moment acht alte männer herein, graubrustbehaarte alemannenmännchen, nahe am austrocknen schon alle, vor dem eintreten dem antreten zur angeblich freiwillig erzwungenen dunstaktiven passivität schon ausgedörrte zwetschkenkramperln alle, und sie schwätzten, wie esch sich gehört.
und am himmel, der an nichts grenzt, also nicht ist, kehrten die saatkrähen heim von ihrer tagesarbeit zu den rheinauen.



verfrühlt (1) 16.1.2008, 0:00

es war kein lustiges vogelgeschrei, das sich zwischen das quaken der krähen gemischt hatte, aus dem asphalt hervorbrechendes grün vortäuschend, es waren die spitzen, schwarzweißen kommandos der elstern, wintervögel, was sonst (denken wir nur an brueghel). keiner hörte ihnen zu, nur, feist am first, die tauben.
aber: schwarzweiß.
also weiß, immerhin.



luftlosung 17.12.2007, 0:00

eine krähe war mit mir
aus der stadt gezogen
ist bis heute für und für
um mein haupt geflogen

wilhelm müller (1794-1827), gedichte aus den hinterlassenen papieren eines reisenden waldhornisten – die winterreise

langjährig getreue leser dieses meines zeitgemäßen reisetagebuchs: das warten auf den heurigen krähentext hat ein ende. obwohl, ich hatte nicht extra vor, auch heuer wieder mir wahrnehmungsgedanken zu den schwarzen galgensingvögeln zu machen. da es aber so gekommen ist wie es eben gekommen ist – hier mein heuriger krähentext, in enger assoziativer annäherung zur ersten strophe der krähe, die wir natürlich alle samtundsonders in der skurrilen schubertschen deutung im ohr haben, als gedicht allein ist es ab dem moment, wo du den text durch schubert erzählt bekommen hast, nicht mehr möglich, und wer würde etwa die ode an die freude lesen können, ohne beethovens melodie dazu im ohr zu haben, jene melodie, der die europäische union soviel übles angetan hat, aber das nur nebenbei.
mir hat nämlich eine äußerst dynamische krähe auf dem heimweg von der tagesarbeit auf den metropolischen müllhalden jenseits der donau zum schlafplatz im hugowolfpark mit unkrähenhafter verve aufs fenster gepatzt.
na sowas, sagen sie. und ich sage: ja sowas auch.
halten sie ihre fenster, so sie an lande- oder startschneisen schwarzer singvögel liegen, also nur für die so beliebte und viel zu wenig praktizierte stoßlüftung geöffnet, am besten zu normalen krähengeschäftszeiten, nicht jedoch am morgen oder am frühen abend. dies mein rat für die kürzesten tage, in denen wir uns gerade befinden.
zum abschluss noch eine frei dazu (oder auch nicht) zu assoziierende zeile, wieder vom unglücklichen herrn müller:

der reif hat einen weißen schein
mir übers haar gestreuet
da glaubt ich schon ein greis zu sein
und hab mich sehr gefreuet

(zur beruhigung: der greise kopf steht im original unmittelbar vor dem vogelvieh)



täuschung (zum welttierschutztag) 4.10.2007, 0:00

herbst ist immer wenn du sterbst
h.c. artmann, punch and judy

es herbstlte, und ein klein wenig zu mild.
aber nein, das waren doch tauben und keine geier, die um die oberen etagen der türme vom allgemeinen krankenhaus kreisten. und auch saatkrähen waren keine dabei, schien es.
auf den ersten blick



krah krah 18.6.2006, 0:00

Diese eine verdammte Krähe im Hinterhof jeden Morgen und natürlich ganz besonders am Sonntag in der Früh. Ihre wie ein akustisches Gerippe knarrende Präsenz machte, dass nur mehr ein paar Spatzen verkümmert tschilpten, und Erinnerungen an die virtuos erfrischenden Kaskaden der, wie man sie in seiner Stadt nannte, Aumschl drohten ihm bald gänzlich abhanden zu kommen. Als Saisonvögel würden die schwarzen Wintergeister völlig genügen; im Sommer jedenfalls hatten sie hier überhaupt nichts zu verlieren, kannte er kein Pardon, aber was nützte es auch.



Winterfrösche 21.2.2006, 0:00

Lichtmess war es hell und klar, das bedeutet, dass das warme Wetter, das einem das Schlafzimmerfenster zu kippen erlaubt, einem Trugvorfühling angehört. Gegen Morgen erstmals im Hinterhof schüchternes Finkengepiepse, das in den Hintergrund gedrängt wird, sobald sich die Krähen sammeln. Ich stelle mir vor, dass, bevor sie zur Arbeit nach Transdanubien fliegen, höflich und gesellig, wie sie untereinander sind, alle allen einen guten Morgen wünschen, dazu ein paar kurze Bemerkungen übers Wetter austauschen und darüber, dass es nach einem mehr oder weniger erholsamen Wochenende nun wieder ans werktägliche Geschäft gehe. Wenn das nur (und es sind sicher mehr) fünfzig Krähen sind, die sich einander versichern, sind das gleichzeitig zweitausendvierhundertfünfzig Einzelfloskeln, während, sagen wir, etwa zwanzig Minuten.
Das ist kein Krähen mehr, es ähnelt eher einem Quaken. Die schwarzen Vögel sind die Frösche des Winters, so ist es ganz bestimmt. Spätestens Mitte März werden sie ablaichen. Umgeschult, in Zeiten der Geflügelpest.

Ganz schön gerissen, diese Viecher.



unsichtbar 30.1.2006, 0:00

17. November 2005. Ich radle meine Krähenroute (fast blau schimmert ihre Schwärze), durch den Türkenschanzpark, heim. Davor, drinnen und danach, bis hinunter zum Hugo Wolf-Park, sehe ich mindestens zehn Menschen (alle männlich; ich habe dann, mutlos, aufgegeben und dringend versucht, nur ja bitte schnell nach Hause zu kommen), die stehen einfach nur so herum, hohlkreuzig und mit, das ist ein freundlicher Hilfsausdruck, leerem Blick.
Als hätten sie einen Hund an der Leine, der gerade in die Wiese oder auf den Gehsteig scheißt und versuchten, sich so passiv wie möglich gebend, sich unsichtbar zu machen, stelle ich mir vor. Es scheint zu wirken.
Nur bei mir leider nicht.



Die Möglichkeit eines Himmels 8.12.2005, 0:00

Die Krähen behaupten, eine einzige Krähe könne den Himmel zerstören; das ist zweifellos, beweist aber nichts gegen den Himmel, denn Himmel bedeutet eben: Unmöglichkeit von Krähen.
Weiß, danke für den Gastsatz, Franz Kafka, selbst eine Dohle, spätestens 1918. So betrachtet erfüllt Rom diese zentrale Grundbedingung. Zumindest am frühen Morgen des 21. Oktober 2005.



Guten Morgen 21.10.2005, 0:00

Praha. Im Innenhof des Hotels weckt mich ein winterliches Schnarren, beinahe ein Knattern ist es. Stimmlos weist die Krähe (sie wird zu den Singvögeln gezählt) darauf hin, dass ihre Zeit, das Winterhalbjahr anbricht.
Kafkas Vogel in seiner Stadt.



zugute /3 29.7.2005, 0:00

Kafka aber war eine Krähe, ein Singvogel, dem manch einer schon das menschliche Sprechen beigebracht hat.

Von Adlern wird ähnliches nicht berichtet.



möven 19.7.2005, 0:00

In Rennes, wie gesagt, kreisen lachend Möven um die Türme und über deinem Kopf. Es gibt Vögel, deren Lautgebung größere Sympathie hervorruft, und was wurden sie nicht schon besungen und gelobt dafür, wie sie die ganze wunderbare Schöpfung permanent lobpreisen etc., danke vielmals.
Bei all der Vielfalt als schön empfundener Vogelklänge fällt auf, dass der Mensch (zumindest der deutschsprachige) gerade einmal einem Federtier ein eigenes Lautverb verliehen hat, und das ist der Todesvogel, die Krähe. Warum gibt es nicht die Worte amseln, finken, spatzen, elstern, fichtenkreuzschnabeln, uhuhen, nicht zu vergessen nachtigallen, oder, exotischer, papageien, straußen (wie klingt ein Strauß?), emuhen? Selbst der beliebte amselähnliche Beo macht beo. Und der Hahn auf dem Mist, was muss er jeden Morgen artfremd von sich geben? – Er kräht! (Gut, wenigstens sein Hennenharem darf gackern, aber das ist ja wohl eher ein Hinweis auf den Dreck, den die von Witwe Bolte, noch mehr aber von Max und Moritz so geschätzten Viecher machen.)
Wir helfen uns mit einfallslosen und in keiner Weise den Lautwert abbildenden Hilfsbegriffen wie singen (welcher Vogel macht, bitte, lalalalalalala, mimimimimimimi oder selbst tirilirili?).

Oder, wie es der Hl. Ernst, nach Aufzählung einer Reihe tierspezifisch-onomatopoetischer Klänge (blöken, brüllen, brummen, meckern, miauen, quaken, schnurren, summen,…), sagt:

vögögögögögögögögel
zwitschern

Danke.



Vorstellungen 22.12.2004, 0:00

Halb vier, im Westen entlang des Wienerwaldes die zarte Kontur der Abendröte. Saatkrähen fliegen hoch über mich hinweg, endlos.
Ich stelle mir vor, dass sie von der Arbeit heimkehren (und in gewisser Weise stimmt das ja auch).

***********************

Der elektrische Seestern auf der anderen Straßenseite hat es nicht ganz bis Weihnachten geschafft und ist verglüht. Damit ist das laute Blinken wieder dem vertrauten blauen Schattenspiel der haushaltlichen Fernsehgeräte (das früher synchroner ablief) gewichen.

***********************

Zum Zahnarzt nach Purkersdorf. Umsteigen in Hütteldorf. Auf einem Zettel lese ich, dass man am Hl. Abend das Friedenslicht aus Bethlehem auch an diesem Bahnhof abholen kann, gratis natürlich (der Frieden kostet nicht so viel wie der Krieg). Noch zehn Minuten. Im Warteraum ist es nicht ganz so kalt. Beim Eintreten stelle ich mir vor, dass ich halblaut frage Wer ist bitte der Letzte? Aber ich traue mich dann doch nicht. Nach ein paar Minuten bleibe ich allein übrig, obwohl in der Zwischenzeit kein Zug angekündigt worden ist. Ich stelle mir vor, dass ich erst hinaus darf, wenn wieder jemand eintritt. Gottlob kommt noch ein junge Frau herein und löst mich aus, knapp, doch rechtzeitig vor der Einfahrt meines Zuges.
Beim Schreiben dieser Zeilen habe ich bereits links unten Keramik; in der Nacht habe ich geträumt, dass mir bei einem Zahn das Gold herausgebröselt ist, wie eine Sternschnuppe.



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